Sinfonie und sinfonische Dichtung des 19. Jahrhunderts

Sinfonie und sinfonische Dichtung des 19. Jahrhunderts
Sinfonie und sinfonische Dichtung des 19. Jahrhunderts
 
Sinfonik im 19. Jahrhundert ist in einem wesentlichen Sinne Sinfonik nach Beethoven. Bedrängender noch als auf dem Gebiet der Klaviersonate und des Streichquartetts, fühlten sich die späteren Komponisten durch Beethovens neun Sinfonien mit zeitlos vollkommenen Exemplaren der Gattung konfrontiert, die es ihnen schwer machten, einen eigenen Weg zu finden. Das gilt bereits für Franz Schubert, wenn auch noch nicht für seine frühen Sinfonien bis einschließlich der sechsten, die von 1813 bis 1818 entstanden, und im Ganzen noch an Haydn und Mozart orientiert sind, wohl aber für seine beiden Sinfonien der Reifezeit. Seine h-Moll-Sinfonie (1822) brach er nach zwei wundervollen Sätzen ab, die, als »Unvollendete« bezeichnet, dennoch keiner Ergänzung bedürfen. Den eigenen Ton, den Schubert hier gefunden hatte, setzt die große C-Dur-Sinfonie aus seinem letzten Lebensjahr 1828 fort. Eine nächste bedeutsame Stufe sinfonischer Gestaltung bilden die Orchesterwerke von Felix Mendelssohn Bartholdy, darunter die »Italienische Sinfonie« A-Dur (1833) und die »Schottische Sinfonie« a-Moll (1842), sowie die vier Sinfonien von Robert Schumann. Schumann war zweifellos der bedeutendste Sinfoniker seiner Generation in Deutschland. An den formalen und inhaltlichen Neuerungen seiner vier Sinfonien ist zugleich die Problematik der nachbeethovenschen Ära am deutlichsten abzulesen.
 
Nach 1850 schien es, als verliere die Sinfonie gegenüber der sinfonischen Dichtung mehr und mehr an Bedeutung. Erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kommt es dann in den vier Sinfonien von Johannes Brahms und den neun Sinfonien von Anton Bruckner zu einer erneuten schöpferischen Auseinandersetzung mit der klassischen Tradition und zu einem späten Höhepunkt in der Geschichte der Gattung. Bei beiden wird die überkommene Viersätzigkeit beibehalten, die Typik und die formale Anlage der Sätze erscheinen jedoch bedeutsam modifiziert. Die Zusammensetzung des Orchesters entspricht bei Brahms im Wesentlichen noch den Werken Beethovens. Dagegen wird die Satzstruktur stark verdichtet und kammermusikalisch verfeinert und die Geschlossenheit des sinfonischen Zyklus durch die Variation weniger Grundmotive intensiviert. Auch die Sinfonien Bruckners knüpfen an Stilmittel Beethovens und Schuberts an, sind aber musikhistorisch schwieriger einzuordnen und bilden in ihrer Ausdruckshaltung so etwas wie eine eigene Welt. Ihre große Orchesterbesetzung wurde durch die Musikdramen Richard Wagners angeregt. Dennoch sind alle Sinfonien Bruckners absolute Musik. Nur in einem übergeordneten, sehr allgemeinen Sinne spiegeln sie seine tiefe Religiosität - die neunte Sinfonie widmete er »dem lieben Gott«. Als Zeugnisse einer bewegenden Mystik im Klanggewand moderner Sinfonik stehen sie auch in dieser Hinsicht ein wenig fremd in ihrer Zeit.
 
Neben der Sinfonie und in einer ausdrücklichen Gegenposition zu deren traditioneller Bindung entstand um die Mitte des Jahrhunderts die Gattung der sinfonischen Dichtung. Ihre wichtigsten Vertreter Franz Liszt und die neudeutsche Schule beziehen sie zwar ebenfalls noch auf das Vorbild Beethovens, aber vor allem auf solche Werke, die ein Bestreben erkennen lassen, Instrumentalmusik zum Gefäß außermusikalischer Inhalte zu machen. Gattungsgeschichtlich geht die sinfonische Dichtung aus der Konzertouvertüre hervor, für die sich im Werk Beethovens, Mendelssohns und Schumanns eindrucksvolle Beispiele finden. Den entscheidenden Schritt zu einer inhaltlich ausgerichteten romantischen Orchestersprache vollzog jedoch Hector Berlioz in Frankreich mit seiner »Sinfonie fantastique« (1830), die in fünf Sätzen »verschiedene Situationen im Leben eines Künstlers« schildert, »soweit diese musikalisch darstellbar sind«. Berlioz geht es nicht um die Beschreibung äußerer Begebenheiten, sondern um die Darstellung innerer Zustände. Ein grundlegendes Gestaltungsmittel ist dabei eine anfangs erklingende Leitmelodie, die die Geliebte des Künstlers symbolisiert und in allen Sätzen der Sinfonie als »idée fixe« variiert wiederkehrt.
 
Liszt erhob dieses Gestaltungsmittel zum zentralen Prinzip seiner »Faust«- und seiner »Dante«-Sinfonie sowie seiner 13 einsätzigen (wenngleich vielfach untergliederten) sinfonischen Dichtungen. Im Unterschied zu der eher subjektiven Thematik bei Berlioz streben die Orchesterwerke Liszts nach der Darstellung objektiver poetischer Ideen. Große Gestalten des abendländischen Geisteslebens, Dichtungen, Gedanken oder Begebenheiten der Vergangenheit bestimmen ihre Inhalte. »Tasso«, »Prometheus«, »Mazeppa«, »Orpheus«, »Hunnenschlacht« (nach einem Gemälde von Wilhelm von Kaulbach), »Die Ideale« (nach einem Gedicht von Schiller) oder »Hamlet« (alle zwischen 1849 und 1858 entstanden) bilden hierfür sprechende Beispiele.
 
Außerhalb Deutschlands und Österreichs spielte der Parteienstreit zwischen absoluter und Programmmusik eine vergleichsweise viel geringere Rolle. Daher waren die Grenzen zwischen den beiden orchestralen Gattungen, die im deutschsprachigen Raum oft so rigoros gezogen wurden, dort fließender. Und slawische, skandinavische und französische Komponisten schrieben unbedenklich sowohl Sinfonien als auch sinfonische Dichtungen. In Frankreich waren nach Berlioz Camille Saint-Saëns und César Franck die bedeutendsten Sinfoniker, in Russland nach Anfängen bei Michail Glinka und Anton Rubinstein vor allem Aleksandr Borodin, Nikolaj Rimskij-Korsakow, Pjotr Tschaikowsky und Aleksandr Glasunow. Im tschechischen Raum kulminierte die erwachende bodenständig nationale Musik in den sinfonischen Dichtungen von Bedřich Smetana, darunter »Die Moldau« und »Vysehrad« aus dem Zyklus »Mein Vaterland«, und den neun Sinfonien von Antonin Dvořák. In Skandinavien gehören der Schwede Franz Berwald, die Dänen Johann Peter Emilius Hartmann und Niels Gade sowie der Norweger Johann Severin Svendsen zu einer ersten Generation von Sinfonikern. Ihre bedeutendsten Nachfolger waren in Dänemark Carl Nielsen, in Finnland Jean Sibelius.
 
Prof. Dr. Peter Schnaus
 
 
Dahlhaus, Carl: Klassische und romantische Musikästhetik. Laaber 1988.
 Dömling, Wolfgang: Hector Berlioz und seine Zeit. Laaber 1986.
 
Geschichte der Musik, herausgegeben von Michael Raeburn und Alan Kendall. Band 2: Beethoven und das Zeitalter der Romantik. Band 3: Die Hochromantik. München u. a. 1993.
 Rummenhöller, Peter: Romantik in der Musik. Analysen, Portraits, Reflexionen. Kassel u. a. 1995.

Universal-Lexikon. 2012.

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